Zeichenblog

Ungestüm

Reisetagebücher – die Bretagne weigerte sich lange und hartnäckig Platz zu nehmen. Die Zeichnungen waren zu wenig wüst, die Realität zu ungestüm.

Hier half es nur, Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Den Stift beiseite zu lassen und zunächst die nassen Farben im Wind mit Verve aufs Papier zu klatschen. Nimm dies!
Aber so konturlos sollte mir die Landschaft nicht davonkommen – die Zeichnerin in mir forderte ein paar schnelle Tintenstriche …

Die Skizze der Heidelandschaft am Cap Sizun war die erste einer Reihe von Skizzen, in denen ich mit dem Farbauftrag begann und mit der Zeichnung endete. Eine Reise lang konnte ich nicht genug davon bekommen. Manchmal muss man eine Welle einfach reiten.



Geheimnüsse

Im Kontext der coronalen Zeiten ist vieles denkbar:
Nascht er nur oder hortet er schon?

Diese Arbeit entstand während des Lockdowns im Rahmen des Projektes Locked in / Locked out des curt Magazin. Sie ist ein möglicher Kandidat für die geplante Ausstellung im kommenden Jahr.

Zeichnung – Geheimnüsse eines Raben

„Geheimnüsse“ – aus der Raben-Serie
Tusche / Aquarell
Arches® Bütten, 300 g/m2
40 x 30 cm

Tintlinge schöpfen

Diese kleine Gruppe von Schopftintlingen fand sich im Tennenloher Forst bei Erlangen. Sie schien genau das richtige Sujet zu sein, um eine neue japanische Zeichenfeder auszuprobieren.

Der Begriff Tintling lässt mich an Schriftstellerei und Zeichenkunst denken. Die Assoziationen sind inspirierend, aber beileibe nicht verklärend: Bei den Schopftintlingen handelt es sich um karnivore – nematophage – Pilze. Sie können kleine Fadenwürmer erbeuten und verdauen.

Caspar, David und Friedrich

„Caspar, David und Friedrich in Betrachtung des Mondes“, so der Titel dieser Zeichnung.

Was mag den dreien wohl durch die Köpfe gehen? Tauschen sie sich in romantischer Ironie über die Belastung aus, Bildmotive selbstbestimmt zu wählen?

Womöglich halten sie schlicht inne – versonnen im Mondlicht.

Driften

Manche Zeichnungen sind nicht der schlüssige Endpunkt eines Gedankenganges, sondern eher eine diffuse Begleiterscheinung. So kann es passieren, dass ein weißer Pottwal plötzlich die rote Zeichnung eines Tancho-Kois auf der Stirn trägt.

Koikarpfen führen in Japan ein Leben als behütete Statussymbole, Wale hingegen sind schlicht Beutetiere: Zum 1. Juli 2019 trat Japan aus der Internationalen Walfangkommission aus und nahm den kommerziellen Walfang wieder auf. Manche Japaner sagen, Walfleisch zu essen sei für die japanische Identität wichtig. Würden sie auch Wale essen, die ihre Nationalfarben tragen?

Mandschurenkraniche, die ebenfalls Tancho tragen, werden übrigens nicht gegessen …

Der japanische Begriff „Tancho“ lässt sich wörtlich mit „roter Scheitel“ übersetzen. Zudem ist „Tancho“ der Name des Mandschurenkranichs, dem Nationalvogel Japans.

Workout (Sneak Preview)

Wenn der Rabe mit dem Theraband …

Im Rahmen des Projektes Locked in / Locked out des curt Magazin sind Nürnberger Künstler aufgefordert, ein Quarantäne-Kunstwerk zu erschaffen und den Prozess zu dokumentieren. Sobald die Corona-Krise vorüber ist, sollen die Werke in einer Gruppenausstellung gezeigt werden.

Als Projektteilnehmerin werde ich dort eine Arbeit präsentieren. Ob es dieser heimsportelnde Rabe sein wird, habe ich noch nicht entschieden: Meine Raben wenden sich in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen vielen Dingen zu – auch unverfänglicheren.

Das Beitragsbild zeigt eine Zeichnung aus meinem Skizzenbuch.

Vielleicht …

„Vielleicht hätte Kapitän Ahab Sardinen fangen sollen.“

Diesen Satz lässt Haruki Murakami eine seiner Figuren im zweiten Band von Die Ermordung des Commendatore sagen. Ich las es, lachte und hing am Haken. Die visuelle Idee, diesen mental-monumentalen Kampf zweier Giganten mit etwas so Marginalem wie einer Dose Sardinen zusammenzubringen, war schnell entwickelt.

Hatte Ahab je die Möglichkeit sich zu entscheiden? Wohl kaum. Aber eines kann man mit Sicherheit sagen: Ahab hat seinen Wal getroffen.

„Ohne Wal“
Aquarell / Bleistift

Arches® Bütten, 300 g/m2
40 x 30 cm

Unter Druck

Butt auf Bütten, ein Fisch im Tiefdruck.

Es konnte nur ein Plattfisch sein, den ich zum Motiv meiner ersten Fischplatte machen würde. Kein anderer Fisch fügt sich kalauernd derart gut unter die Druckerpresse.

Der Versuch, den Druck auf einen Plattfisch durch hitzige Farbigkeit zu erhöhen, mag visuell funktionieren, physikalisch ist er jedoch fragwürdig: Wasser absorbiert langwelliges Licht bestens, so dass schon in geringen Tiefen kein Rot mehr wahrgenommen werden kann. Nach menschlichen Maßstäben und bei aller Doppeldeutigkeit sieht ein Plattfisch also eher selten rot.

„Fisch unter Druck“ – Ausschnitt aus einer Radierung
Absprengtechnik / Strichätzung / Kaltnadelradierung / Aquatinta

Hahnemühle® Bütten-Kupferdruckkarton, 300 g/m2
Druckplatte 20 x 15 cm, Papierformat 39,5 x 27 cm

Zündeln

Um einen Frosch aus seiner Opferrolle als Beutetier zu befreien, braucht es lediglich ein bisschen Mutwillen. Man drücke dem Frosch etwa kurzerhand ein Streichholz in die klammen Finger …

"Ungeklärte Verhältnisse" – aus der Rabenserie

„Ungeklärte Verhältnisse“ – aus der Raben-Serie
Tusche / Aquarell
Arches® Bütten, 300 g/m2
40 x 30 cm

Corvus corone

Faschingszeit. Der Corona-Virus erreicht Italien und der Karneval in Venedig wird abgesagt.

Die Zeichnung kombiniert oberflächlichen Humor mit historisch gewachsenem Unbehagen: Das Lachhafte, einen Vogel als Vogel zu maskieren, trifft auf das Bild des Pestdoktors und die mitteleuropäische Mär von Krähenvögeln als Boten des Todes und des Unglücks.

In diesem Kontext erscheint es fast surreal, dass corvus corone der lateinische Name der Aaskrähe ist.

„corvus corone“ – aus der Raben-Serie
Aquarell / Tusche

Arches® Bütten, 300 g/m2
40 x 30 cm